Chroniken von Pannithor, Teil 2: Die Zeit des Lichts
Fremde aus dem Nichts: Lehrer der Elfen, Götter der Menschen und für die Zwerge Bekannte, denen man besser nicht traut. So begann die Zeit des Lichts, ein goldenes Zeitalter – in dem schon jemand überlegte, wie man alles zerstört.
Im letzten Teil haben die Elfen, während sie in der Magie herumstocherten und in die Räume zwischen den Welten spähten, jemandes Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Zeit, die Gäste vorzustellen.
Erster Teil: Gäste von jenseits der Welt
Wer die Celestianer waren
Ehrlich gesagt? Niemand weiß es so ganz genau. Sicher ist nur, dass sie mächtig waren – mächtiger als alles, was Pannithor seit den Tagen der Alten Götter gesehen hatte – und dass sie nicht von hier stammten.
Es gibt mehrere Theorien, und jede klingt spannender als die vorige. Der einen zufolge waren die Celestianer eine Handvoll Überlebender einer uralten, hochentwickelten Zivilisation von einem fernen Stern. Der zweiten zufolge kamen sie aus einer anderen Dimension, aus einer Spiegelwelt, in der die Sterblichen die Götter erschaffen hatten und nicht umgekehrt. Die dritte ist die beunruhigendste: Die Celestianer seien aus der Zukunft gekommen, und nach Pannithor hätten sie die Elfen gelockt, die mit Kräften spielten, die sie nicht verstanden, und dabei ganz nebenbei die Fesseln der Zeit selbst lockerten. Wie Kinder, die den Schlüssel zur Waffenkammer gefunden haben.
Wie es auch gewesen sein mag – die Folgen ihrer Ankunft sind bis heute zu sehen.
Die Dämmerung der Alten Götter
Die Alten Götter verloren an Bedeutung, noch bevor die Celestianer überhaupt auftauchten. Je weiter sich Elfen, Menschen und Zwerge über die Welt ausbreiteten und ihr eigenes Erbe aufbauten, desto weniger brauchten sie ihre Schöpfer und desto schwächer glaubten sie an sie.
Bei den Elfen ging das blitzschnell. Ganz von der Magie in Beschlag genommen, achteten sie immer seltener auf die Götter, selbst auf ihren eigenen Schöpfer. Darin liegt eine gewisse Ironie: Bhanek wollte ein Werk, das ihn überraschen und mit ihm reden würde, und bekam Kinder, die ihn nicht mehr beachteten. Und als dann die Celestianer erschienen – allmächtig und nur allzu gern bereit, ihr Wissen zu teilen –, sahen die Elfen keinen Grund mehr, sich überhaupt noch mit irgendwelchen Göttern abzugeben.
Jedem, was er wollte
Die Celestianer gaben sich nicht mit den Elfen zufrieden. Solche Wesen lassen sich nicht in ein einziges Königreich sperren, und so interessierten sie sich bald für die Menschen und schließlich sogar für die Zwerge. Am spannendsten ist, wie unterschiedlich sie jedes der Völker angingen.
Den Elfen schmeichelten sie. Sie nährten deren Hunger nach Wissen und arkaner Macht, und die Elfen hielten sich in ihrer Eitelkeit für den Celestianern ebenbürtig.
Bei den Menschen fanden sie etwas ganz anderes: Anbetung und Gehorsam. Die Menschen lebten kurz und heftig, waren abergläubisch und glaubten bereitwillig an Wunder – man musste nur zugreifen.
Die Zwerge widersetzten sich am längsten, denn das Misstrauen liegt ihnen im Blut. Von ihnen wollten die Celestianer weder Verehrung noch Freundschaft, nur eine kühle Bekanntschaft auf Abstand – also genau die Sorte, die die Bärtigen am liebsten mögen. Doch am Ende ließen sich selbst sie von den Wundern überzeugen, die die Neuankömmlinge vollbringen konnten.
Die Celestianer waren allen alles. Sie wussten, welche Saiten sie bei jedem der Völker anschlagen mussten, um über allen dreien zu bleiben. Und niemand fragte damals, wie sie das eigentlich anstellten.
Schadete das den Völkern? Vorerst ganz im Gegenteil.
Zweiter Teil: Das hellste Zeitalter
Unter dem wachsamen Blick der Celestianer, mit ihren Ratschlägen, ihrer Ermutigung und ihren Geschenken, erlebten alle drei Völker die prächtigste Zeit ihrer Geschichte. Jedes von ihnen erinnert sich an diese Epoche – wenn auch erstaunlich wortkarg – als eine Zeit, in der Elfen, Menschen und Zwerge in Frieden und Wohlstand lebten und es weiter brachten als je zuvor und je danach. So sah die Zeit des Lichts aus.
Elfen auf dem Gipfel
Wer weiß, wo er suchen muss, findet die Aufzeichnungen der Elfen aus jener Zeit in zaubergeschützten Kammern unter dem Turm von Therennia Adar. Eine Lektüre, nach der man leicht Minderwertigkeitskomplexe bekommt.
In den westlichen Landen errichteten die Elfen Städte, so schön, dass die Menschen bei ihrem Anblick weinten. Ihre Flotten erreichten jeden Winkel der Welt und verzeichneten jede Küste, jede Bucht und jedes Inselchen auf ihren Karten. Es heißt, auf ihrem Höhepunkt hätten die Elfen so viele Schiffe besessen, dass diese, Bordwand an Bordwand aufgereiht, den ganzen Erdball umspannt hätten. Und die Elfen beschränkten sich nicht auf die Meere – sie wagten sich bis zwischen die Sterne vor und lernten, deren Wesen einzufangen.
In der Kunst lief es ihnen ebenso gut. Ihre Skulpturen waren so vollkommen, dass sich angeblich so mancher Mensch, ja sogar ein Zwerg, in eine Statue verliebte, wie angewurzelt vor ihr stehen blieb und dort verharrte, bis er dahinsiechte. Die Gemälde jener Epoche glichen eher Fenstern als Leinwänden – kein einziger Pinselstrich war darauf zu erkennen. Bei elfischen Balladen zerflossen die Zuhörer im einen Augenblick in Tränen und wussten sich im nächsten vor Glück kaum zu fassen.
Und dann die Magie. Die Elfen gingen sie mit derselben Begeisterung und derselben Disziplin an wie alles andere und beherrschten sie meisterhaft. Nicht ohne Grund sind die mächtigsten Magier Pannithors bis heute Elfen.
Was sie auch anfassten, gelang ihnen besser als je zuvor, und ihre früheren Leistungen wirkten dagegen wie Kinderspiel. Die Celestianer ermutigten sie nur noch, und die Elfen hielten sich, wie wir schon wissen, für ihresgleichen. Diese Eitelkeit sollte sie – und die ganze Welt – sehr teuer zu stehen kommen. Doch vorerst gab es nichts, was die Elfen nicht vollbringen konnten. Ihr Königreich wuchs immer weiter, und ihre Städte wurden zu Denkmälern der Vollkommenheit.
Primovantor
Auch die Menschen hatten ihr goldenes Zeitalter, und was für eines. Auf dem Grund des heutigen Infant Sea liegen die Ruinen von Primovantor – der größten menschlichen Zivilisation, die es je gab. In der Zeit des Lichts umfasste diese Republik etwa ein Drittel der bekannten Welt und stand an Größe, Macht und Pracht weder dem Königreich der Elfen noch den größten Zwergenfestungen nach.
Primovantor war ein großer Bund von Nationen, regiert von einem gewählten Senat mit dem Obersten Konsul an der Spitze. Alles begann in den Bergen, in der Stadt Primantor, von wo aus die ersten Primovantianer ein Land nach dem anderen anschlossen – ebenso oft durch Diplomatie wie durch das Schwert. Und hier ein interessantes Detail: In der Republik waren alle Bürger vor dem Gesetz gleich, unabhängig davon, ob ihr Land freiwillig beigetreten oder erobert worden war. Wer für Primovantor kämpfte, tat es aus freiem Willen, weil er ein Land verteidigte, auf das er stolz war. Kein Wunder, dass die Republik aufblühte.
Es war ein Land großer Kunst und großer Wissenschaft. Seine Bewohner lebten lange und hatten einen scharfen Verstand, sie lernten viel von den Elfen und gaben ihnen viel zurück, und die Celestianer schlossen gern Freundschaft mit den hiesigen Gelehrten. Bis heute hat niemand erreicht, was die Primovantianer in Magie und Kunst vollbracht haben. Spuren dieses Ruhms haben in versunkenen Wandmalereien und Reliefs überdauert.
Eines unterschied die Menschen allerdings von den Elfen. Kunst und Literatur waren für sie eine angenehme Zugabe, das eigentliche Ziel aber war die Macht über Leben und Tod. Die Menschen vergaßen keinen Augenblick, dass sie sterblich waren – und hofften, dass die Magie das ändern würde.
Die Zwerge, die Nachbarn von unten
Unter den Städten der Menschen und Elfen lag ein drittes Imperium. Die Zwerge lebten in Eintracht mit den Nachbarn von oben und trieben regelmäßig Handel mit ihnen, aber stets mit einer gewissen Zurückhaltung. Manche glauben, dieses Misstrauen gegenüber Fremden rühre von ihrer Schöpfungsgeschichte her, die sie ernster nehmen als irgendwer sonst.
Menschen und Elfen störte das unterirdische Imperium nicht sonderlich – mit dem Boden unter ihren Füßen wussten sie ohnehin nichts anzufangen. Die verbitterteren Zwerge behaupten übrigens bis heute, die Nachbarn von oben hätten sie für kaum besser gehalten als den Abfall, den sie selbst unter die Erde kippten. Doch zu klagen gab es nichts. Das Zwergenreich erstreckte sich über viele Meilen, voller Edelsteinminen und gewaltiger unterirdischer Städte, und mit ihren Erfindungen verdienten die Bärtigen ein Vermögen. Viele Städte Primovantors und anderer Länder hatten zwergische Kanalisation und Wasserleitungen. Ganz recht – das goldene Zeitalter der Menschheit floss durch zwergische Rohre.
In die Politik und die Angelegenheiten anderer Völker mischten sich die Zwerge nicht ein. Den Celestianern begegneten sie mit vorsichtigem Respekt, mit manchen freundeten sie sich sogar an, aber als Götter erkannten sie sie nie an. Mit einer Ausnahme: Fulgria, der Göttin des Feuers, die von manchen zwergischen Gruppierungen verehrt wird. Und doch nimmt keine Gottheit in den Herzen der Zwerge den Platz von Dianek ein, der Göttin, aus deren Tränen sie – wie wir aus dem ersten Teil wissen – entstanden sind.
Noch etwas. Menschen und Elfen gingen hin und wieder Verbindungen miteinander ein. Häufig war das nicht, kam aber regelmäßig genug vor, dass die Zwerge die Nase rümpften, denn für sie ist Blutvermischung etwas Abstoßendes. In der Zeit des Lichts machten sie um das Thema einfach einen großen Bogen. In ganz Pannithor gibt es keine einzige glaubwürdige Aufzeichnung über eine Ehe, an der ein Zwerg beteiligt gewesen wäre – und irgendetwas sagt uns, dass sich daran so bald nichts ändern wird.
Dritter Teil: Der wahnsinnige Schreiber und der Jüngste der Celestianer
Was Athalaneus sich ausdachte
Wie brachten es die Celestianer eigentlich fertig, dass sich ihnen alle so bereitwillig fügten? Kaum jemand stellte sich diese Frage damals, und kaum jemand stellt sie heute. Einer der wenigen war der Schreiber Athalaneus.
Athalaneus schrieb viel über den Götterkrieg und über das, was danach kam, und seine Schriften gehören zu den seltsamsten, die erhalten geblieben sind. Am Ende sperrte man ihn in ein Irrenhaus, „zu seiner eigenen Sicherheit“, was seinem Ruf ein wenig schadet. Aber hören wir uns an, was er zu sagen hatte.
Erstens meinte er, die Celestianer seien weder ganz körperlich noch ganz körperlos gewesen, und schon das genüge, um sie nicht Götter zu nennen. Ihm zufolge waren sie einfach sehr mächtige Wesen, die den einfachen Völkern jener Zeit göttlich erschienen.
Zweitens behauptete er, in der Großen Bibliothek von Therennia Adar Bruchstücke alter Aufzeichnungen gelesen zu haben – und gerade diese Behauptung ließ andere als Erstes an seinem Verstand zweifeln. Darin las er von „anderen Welten“ und „Ebenen der Wirklichkeit“, in die die Elfen mithilfe der Magie zu reisen gelernt hatten. Einer Magie, die ihnen die Celestianer beigebracht hatten. Athalaneus' Schluss war einfach: Die Celestianer kannten den Weg zu diesen Orten, weil sie selbst von dort kamen. Sie flohen vor irgendeiner Katastrophe, und in Pannithor sahen sie eine Welt, in der man leicht zum Gott werden konnte, weil dort naive Völker lebten, die sich mühelos lenken ließen.
Ein Verrückter? Möglich. Nur passt das Verhalten der Celestianer ziemlich gut zu seiner Theorie. Erinnert euch – jedem Volk gaben sie genau das, wonach es sich sehnte.
Athalaneus schrieb übrigens bis zum Schluss. Nach seinem Tod fand man in seiner Zelle Texte, die mit einem scharfen Stein in jede Wand geritzt waren. Ein Name kehrte darin endlos wieder, immer wieder eingeritzt und durchgestrichen: Reiliur. Bis heute weiß niemand, wem er gehörte. Dort fanden sich auch andere Enthüllungen – etwa, dass Valandor ein zweites Antlitz habe und dieses Antlitz Ba'el sei, einer der widerwärtigsten Generäle der Heere des Abgrunds, und dass beide eines Tages zur letzten Abrechnung zurückkehren würden. Was „zweites Antlitz“ bedeutet, klärt sich im nächsten Teil. Und ob der Schreiber recht hatte? Was Ba'el betrifft – wie sich später zeigen wird – ja.
Eine Handvoll Namen
In der Zeit des Lichts gab es so viele Celestianer und so viele Wunder, dass die Taten einzelner Neuankömmlinge größtenteils in Vergessenheit gerieten. Einige Namen haben überdauert. Liliana, die heute ein Teil der Grünen Herrin ist. Die Herrin selbst. Valandor – von ihm wird noch viel die Rede sein. Alle drei haben Großes vollbracht.
Doch keiner dieser Namen hallt so durch die Jahrhunderte wie einer, den man heute mit einem Fluch auf den Lippen ausspricht. Der Name dessen, der den Untergang von allem herbeiführte, was die Celestianer aufgebaut hatten – und warum er es tat, weiß bis heute niemand mit Sicherheit.
Oskan. Später der Vater der Lügen genannt, auch wenn er sich diesen Beinamen erst noch verdienen musste.
Der Jüngste
Athalaneus widmet Oskan in seinen fiebrigen Aufzeichnungen viel Raum. Ob das Gefasel eines Wahnsinnigen ist oder treffende Beobachtung – die Zeit hat die Wahrheit verwischt. Dem Schreiber zufolge war Oskan der Jüngste der Celestianer, vielleicht sogar das Kind einer unglücklichen Verbindung unter ihnen. Von seinesgleichen kaum geduldet, schwach und verbittert, hasste er sowohl seine eigene Art als auch die Völker Pannithors. Und er fürchtete den Tod mehr als alles andere.
Er ersann einen Weg, die einen wie die anderen zu vernichten, ohne selbst gegen irgendwen antreten zu müssen. Außerdem wollte er etwas in sich loswerden: seine edlen Regungen, die er wie ein fremdes, in seinem eigenen Inneren gefangenes Wesen empfand. Erst ohne sie könnte er sich ungehindert jedem finsteren Verlangen hingeben. Für all das brauchte er jedoch eine Schachfigur.
Eines Tages, als er durch die heiligen Haine von Therennia Adar spazierte, begegnete er Calisor Fenulian – dem herausragendsten Elfen, der je über die Welt gegangen ist.
Eine bessere Schachfigur hätte er sich nicht erträumen können.
Wie Oskan ihn benutzte und warum eine unglückliche Liebe das prächtigste Zeitalter der Weltgeschichte beendete, erzählen wir im nächsten Teil der Chroniken: vom Spiegel Fenulians.
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